30.11.2020

INTERVIEW!

Mit großer Freude darf ich kund tun, dass ich im Podcast "BACKSTAGE!" von Schauspielerin, Autorin und Hörspielsprecherin Leni Bohrmann mein Projekt AUS MISANTHROPOLIS vorstellen durfte!

Einen Blick hinter die Kulissen, die Hintergründe und die ein oder andere Anekdote von und über AUS MISANTHROPOLIS bekommt ihr in der heute veröffentlichten Ausgabe des Kulturpodcasts:

Hört rein und lasst gerne einen Like, ein kostenloses Abo und / oder einen Kommentar dort:

https://backstage.podcaster.de/2020/11/30/folge-38-der-etwas-andere-selbstfindungs-podcast-aus-misanthropolis/

Vielen Dank an Leni vom Backstage Podcast!

Bericht 04 - Kurz in den Urlaub: Teil 1

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Kurz in den Urlaub – Teil 1

TAG 1 – Beginn der Reise

Ich lade meinen gepackten Koffer ins Auto. Natürlich werde ich irgendetwas vergessen haben. Das habe ich bereits mal mit dem Täschchen für Zahnbürste, Zahnpasta, Deo, Gel etc. geschafft - und auch sogar mit Unterwäsche… Diese beiden Positionen sind dieses Mal definitiv dabei, also werde ich bei diesem Kurzurlaub wohl etwas Neues vergessen haben…

Definitiv dabei sind Hundehaare. Meine Kleidung besteht nämlich zu 20% aus Baumwolle und zu 80% aus Hundefell. Der Rest vom Hund, der nicht auf und in meinen Klamotten verteilt ist, macht ebenfalls Urlaub und genießt die ländliche Ruhe bei meiner Mutter. Mich dagegen zieht es in die Sonne. Und vor allem: weg von hier!

Ich erreiche den Parkplatz in der Nähe des Flughafens, an dem ich mein Auto deutlich günstiger abstellen kann als direkt am Airport. Denn an diesem residiert mein Auto ja kostspieliger als ICH in der selben Zeit… Nachdem ich am Pförtnerhäuschen meine Buchungsbestätigung vorgelegt habe, öffnet sich das Tor für die Zufahrt und ich setze meinen Weg auf den Parkplatz fort. Zumindest für 1,5 Meter. Weiter traue ich mich nicht, da sich vor mir ein Meer aus Autos auftut, die derart dicht aneinander stehen, dass ich nicht einmal erkennen kann, was nun Fahrgasse und was Parkfläche ist.

  • „Öööhm… Guter Mann, ich habe eine Frage: Hievt ihr mein Auto mit einem Kran auf seinen Platz, oder wie kommt das dahin?“

  • „NEE, MAN FÄHRT ES DAHIN!“

„So habe ich auch gedacht, nur wüsste ich jetzt a) nicht wo lang, b) nicht wo hin und c) nicht wie ich dann aus meinem Auto kommen soll?! Oder hatte ich überlesen, dass man hier nur mit Cabrios und Schiebedächern parken kann?“

  • „DIREKT RECHTS VON IHNEN IST DOCH WAS FREI?!“

Ich kneife die Augen zusammen und scanne meine Umgebung. Ich blinzle. Ich lasse erneut einen Blick schweifen. Dann steht der Parkwächter auch schon neben mir.

  • „KOMMEN SIE, ICH MACHE DAS FÜR SIE…“

Mit einem Blick, der mir jegliche Männlichkeit abspricht während ich mein Gepäck aus dem Kofferraum nehme, setzt er sich in mein Auto. Als er den Motor startet, verbindet sich mein Handy über Bluetooth und setzt die Wiedergabe des zuvor gespielten Songs fort. Und in der zuvor gewählten Lautstärke…

(EXTREN LAUTE METALMUSIK ERTÖNT)

Nachdem der Parkwächter den Schock überwunden und die Lautstärke panisch reduziert hat, parkt er mein Fahrzeug seitlich mit 2 Zügen zwischen zwei anderen Fahrzeugen ein, so dass vorne und hinten jeweils ein halber Millimeter Platz übrig bleibt. Betont gelangweilt steigt er aus, teilt mir dann aber ein bisschen zu laut mit, dass mein Shuttle in zwei Minuten hier sein würde.

  • „Ja…Ja aber nun ist doch da die Tür zu der Halle zugeparkt?“

  • „DIE BRAUCHEN WIR NICHT!! (Räusper). IN 2 MINUTEN WIE GESAGT,“

Das konnte ich natürlich riechen, dass man die Tür nicht benötigt. Hat ihn aber scheinbar doch etwas mitgenommen, der Schock über die Lautstärke… Ich hole noch schnell Kaugummis für den Flug aus dem Auto und folge der Eingebung, lieber mal ein Foto vom Kilometerstand meines Autos zu machen. Man weiß ja nioe…

Dann erscheint schon das Shuttle. Der Fahrer: eben jener Parkplatzwächter.

  • „ICH NEHME IHNEN MAL DEN SCHWEREN KOFFER AB.“

  • „Also ICH… Ich finde den nicht schwer!“ versuche ich einen Stück meiner Männlichkeit zurück zu gewinnen.

  • „SO. DANN FAHRE ICH MAL LOS. DANN KOMMEN SIE AUCH PÜNKTLICH AN.“, stichelt er zurück.

Zähneknirschend verharre ich auf der Rückbank bis zur Ankunft am Flughafen. In der Sekunde, in der das Auto zum Stehen gekommen ist, stürmen wir beide zur Heckklappe, um derjenige zu sein, der den Koffer herausnimmt und damit seine Alphamännchen-Stellung untermauert! Das ich zwar aufgrund des kürzen Weges eher dort ankomme, dann aber den Mechanismus zum Öffnen der Klappe nicht direkt finde, schmerzt in diesem Punkt dann sogar doppelt. Nachdem mir mein Koffer überreicht wurde ,gehe ich noch einmal zum geöffneten Fenster an der Fahrertür.

Mit den Worten “Hier, stimmt so. Kaufen Sie sich ruhig was mal Nettes“, überreiche ich ihm bewusst ein viel zu hohes Trinkgeld für seine Dienste in Form eines 20 €-Scheins. (Eigentlich wollte ich ja einen 10er nehmen… aber da war es schon zu spät…)

Dadurch fühle ich mich nun als der gönnerhafte Großverdiener, der dem vermutlichen Kleinverdiener dekadent ein bisschen von meinem „Kleingeld“ gönnt – kann mir dafür nun aber im Flughafen keinen Kaffee mehr leisten…

Aber ob ich nun viel zu viel Geld für den Shuttle-Fahrer oder für die überteuerten Preise im Flughafen verprasse… Den Durst meiner Genugtuung zu stillen war mir gerade dann doch wichtiger, als mein Kaffeedurst.

So mache ich mich statt zu dem Gastro-Bereich nun also auf meinen Weg zur erfreulich schnellen Gepäckabgabe und anschließend zum Einchecken. Dort bereue ich allerdings direkt, nicht doch einen Kaffee geholt zu haben, denn ohne die damit verbundene Wartezeit gerate ich unmittelbar in die Fänge eines Damen-Kegelklubs, der einen Schritt früher als ich in der Schlange angelangen.

Der anstrengend laute und unangenehm heitere Haufen von 6 Damen zwischen 40 und 60 Jahren gönnt sich scheinbar eine Mannschaftsfahrt. Mit Stroh-Hüten, Sonnenbrillen und deutlich zu kurzen Röcken bekleidet, wählte man zur Komplettierung der Uniform noch das knallpinke Kegel-Trikot.

In silbernem Glitter steht darauf der endgültige Beweis, dass die Hölle für diese Truppe seine Tore geöffnet hatte: „666“! Dies steht nicht nur für umgefallene Neunen, sondern weist auch auf den vollständigen Teamnamen hin: die „Sechsi Sechs Sächsinnen“.

„Biggi“, „Daggi“, „Sabbi“, „Heidi“, Ulli“ und „Frauke“ haben schon das ein oder andere Fläschchen Hugo geshmasht und freuen sich bereits auf das nächste Highlight ihrer Reise: die Sicherheitskontrolle und das hoffentlich besonders gründliche Abtasten.

Mit dem Abtasten beginnen die Ladies schon einmal selber, denn nachdem ich mich nur eine Sekunde hilfesuchend Umblicke, habe ich auch schon eine durch ausdauerndes Kegeln gestählte Hand an meinem Hintern. Meine Beschwerde geht im wilden Gegacker der Truppe ungehört unter.

Ich bleibe von nun an Wachsam, bin aber ohnehin temporär aus der Gefahrenzone, da der Club nun beobachtet, wie seine einzeln Mitglieder nach und nach von den Sicherheitsleuten geprüft werden. Das will schließlich auch kommentiert werden wie von einer Gruppe überdrehter Teenies.

Grölend zieht man endlich weiter, um in deb Duty Free-Shop einzumarschieren.

Ich passiere meinerseits ebenfalls die Kontrolle - an mein Handgepäck lässt man mich dann aber nicht so einfach.

  • „GEHÖRT DAS ZU IHNEN?“

  • „Nee, ich dachte ich kann mir hier das schönste Teil einfach aussuchen!“

  • „BITTE AUFMACHEN“… „DIE TASCHE, NICHT DEN MUND“.

  • „Oh“.

  • „WAS IST IN DIESEM BEHÄLTER?“

  • „Das sind nur Akku-Batterien für die Kamera.“

  • „AUF DEM BILD SAH ES SO AUS, ALS KÖNNTE ES SICH UM PATRONEN HANDELN!“

  • „Wenn es welche wären, dann hätten Ihre Kollegen dahinten jetzt keine Probleme mit den Sechsi Sechs Sächsinnen.“

Er blickt nur kurz hinüber, dann senkt er den Kopf und lässt mich und mein Gepäck mit betroffenem Blick passieren.

Die Wegweiser prüfend entscheide ich mich ohne vorherigen Blick auf meine Papiere einfach direlt für die Richtung, in der das Gate mit der höchsten Zahl liegt. Ich habe eh wieder das Gate, zu dem man am weitesten gehen muss… So ist es auch.

Im Wartebereich stehen meine Mit-Passagiere bereits artig in einer Reihe vor dem Schalter – mit Ausnahme sechs auffällig gekleideter und lärmender Frauen… Das der Kegelclub und ich das gleiche Flugziel haben überrascht mich nicht im geringsten… Verwundert bin ich eher immer wieder darüber, warum sich Menschen da nun jetzt schon in die Schlange stellen. Es sind noch 15 Minuten bis das Gate öffnet. Die Sitzplätze wurden vorab fest vergeben. Also warum nun dort ausharren? Um der Erste zu sein, der dann im Flieger wartet?

Gleiches gilt für das einsetzende Gedränge, als der Marsch über die Rollbahn ansteht. Warum Gedränge und Geschubse? Ich behalte mein Tempo bei und werde erst kurz vor meinem Sitzplatz aufgehalten. Eine Stewardess blickt auf meine Boarding-Card.

  • „FÜR DIESEN PLATZ HÄTTEN SIE DEN EINGANG VORNE WÄHLEN MÜSSEN. DAS STEHT DOCH EXTRA DRAUF. SONST BLOCKIEREN SIE DEN WEG FÜR DIE LEUTE.

  • „Ja, aber mein Sitzplatz liegt ja genau in der Mitte.“

  • "SO SIND NUN EINMAL DIE REGELN.“

  • „Also ich respektiere Regeln an und für sich, aber es macht bei diesem Platz keinen Unterschied, weil er in der Mitte liegt.“

  • "ICH MUSS DARAUF BESTEHEN, DASS SIE VORNE EINSTEIGEN."

  • "Aber ich bin doch jetzt schon drin. Wenn Sie mich einen Schritt weiter lassen bin ich an meinem Platz. Im Grunde sind Sie momentan die Einzige, die hier alles blockiert."

Die Stewardess erliegt dem Argument und lässt mich ziehen. Ich verstaue mein Handgepäck und setze mich auf meinen Platz direkt am Gang. Ich scanne meine Umgebung.

Vor mir: junges Paar mit Kleinkind.

Hinter mit: Familie mit ihrem 7jährigen Sohn.

In der Sitzreihe neben mir: Business-Typ, der noch immer am Telefonieren ist und diesbezüglich schon zwei Mal mit dem Boardpersonal diskutiert hat.

Neben ihm: eine schwangere Frau, die versucht ihren Begleiter zu beruhigen, der mit seiner Flugangst kämpft.

Großartig… Wenn jetzt noch ein Ex-Cop einsteigt bin ich mir sicher, dass dieses Flugzeug heute definitiv entführt wird.

Nun kommt auch mein Nachbar an. Er sagt kurz „Hi“ und ich lasse ihn vorbei an seinen Platz. Er wirkt angenehm unauffällig. Erleichtert lehne ich mich zurück. Der Kegelclub ist, wenn schon nicht außer Hörweite, immerhin nicht im Sichtfeld – und damit ich auch nicht in seinem.

Nachdem der Business-Typ nach erneuten, mehrfachen freundlichen Aufforderungen der Stewardess und einem deutlich effektiveren „Entweder du machst das jetzt aus oder ich ramme dir das Teil so weit rein, dass du als Bauchredner weiter telefonieren kannst!!!“, meinerseits sein Telefonat beendet hat, hebt der Flieger ab.

Ein sichtlich hochpreisig bekleideter Mann wird auch bei seinem dritten Versuch, noch vor dem Erlöschen der entsprechenden Lichtzeichen auf die Toilette zu gehen, wieder zurück geschickt. Von seiner Bockigkeit scheinbar angesteckt, tritt der Rotzbengel hinter zum x-ten Mal gegen meinen Sitz, während das Kleinkind vor mir nach kurzer Pause weiter für die Disziplin „Weinkrämpfe“ probt.

Ich wende mich ab und Blicke zum Fenster in meiner Sitzreihe und sehe eine ältere Dame am Fenster selig dösen. Oder ist die uns hier weggestorben?!? Wer bitte kann bei dem Lärm schlafen? Ich glaube, bei der scheinbar weltweit einheitlichen Bauanleitung für Flugzeuge und Flughafen wurden die Werte für die Laustärke der Durchsagen vertauscht. Warum sonst sind die Ansagen im Flughafen kaum zu hören, im Flugzeug aber platzt mir fast der Schädel weg, sobald die Crew etwas durchruft? Aus dem Augenwinkel muss ich erkennen, wie der Kerl neben mir damit begonnen hat, mit einer Kante seiner Boardkarte den Schmutz unter seinen Fingernägeln zu entfernen.

Angewidert wende ich mich nochmals um und versuche in den wenigen Zentimetern Platz die mir bleiben irgendwie eine Sitzposition zu finden, in der ich halbwegs bequem ausharren und Musik hören kann. So vergeht die Zeit im Flug zwar nicht „wie im Flug“, nachdem mir der Buffet-Wagen aber nun zum fünften Mal ans Bein geschlagen wird, gewöhne ich mich immerhin langsam an den Schmerz.

Nach der Landung zerschlägt sich meine letzte Hoffnung, dass diese ganze Psychopathen vielleicht gar nichts ins Land gelassen werden. Am Gepäckband rottet sich die ganze Bagage erneut zusammen. Nachdem ich schon wieder eine Kegelhand am Arsch habe, beschließe ich in Bewegung zu bleiben.

Noch immer kein Koffer für mich. Gut 80% der Passagiere meines Fliegers sind quasi schon auf dem Weg zum Strand. Als ich dann irgendwann der einzige bin, der noch am rotierenden Kofferband steht denke ich mir noch „Wie krass wäre es, wenn mein Koffer jetzt abhandengekommen oder geklaut worden wäre“, als zuerst die Anzeige auf dem Monitor über dem Gepäcktransport-System erlischt und dann jenes System komplett zum Stillstand kommt.

Ich blinzle. Dann starre ich minutenlang abwechselnd auf den schwarzen Monitor und das leere schwarze Förderband.

Monitor.

Förderband.

Monitor.

Förderband.

Kurz bevor ich dem Drang erliege, durch die Gummi-Lamellen in der Wand hindurch zu hechten und so den Gepäck-Umschlagsplatz zu infiltrieren, nehme ich aus dem Augenwinkel einen nicht unwesentlich bewaffneten Security-Guard des Flughafens wahr.

Ich entscheide mich gegen den sicheren Tod und für die Konversation mit dem grimmig wirkenden 2 Meter-Hünen. Auf Englisch erkläre ich, dass mein Koffer nicht auf dem Gepäckband lag und mit meinen Blicken, dass ich ungefährlich bin und bitte nicht niedergeknüppelt werden will. Überraschend freundlich fordert mich der „Mann für Sicherheit“ auf ihm zu einem kleinen Schalter zu folgen.

Dort erzähle ich einer Flughafen-Angestellten von meinem Unglück. Diese legt mir einen Zettel hin, auf welchem kleine Schwarzweiß-Fotos verschiedenster Koffer-Modellen abgedruckt sind. Zumindest vermute ich das. Da es sich scheinbar um die 127ste Kopie des Zettels handelt, sind die Bilder nur noch bedingt gut zu erkennen. Und letztendlich sieht ein Koffer halt eben auch aus wie ein Koffer. Ich kreuze etwas an, dass immerhin nicht wie eine Reisetasche aussieht. Dann erhalte ich einen weiteren Zettel, den ich mit meinen Reise-, Adress- und Kontakt-Daten ausfülle. Dannach erhalte ich den gleichen Zettel nochmal…

Fragend Blicke ich die Frau an, welche mir zu verstehen gibt, dass man zwei Ausführungen benötige: einen für diesen Flughafen und einen für den Flughafen, von welchem aus ich gestartet bin. Der Kopierer hinter ihr hat also scheinbar das alleinige Ziel, den vorherigen Zettel mit den Koffer-Abbildungen bis zur vollständigen Unkenntlichkeit zu kopieren. Kann nicht mehr lange dauern. Sie macht zumindest keinerlei Anstalten, die Kopierfunktion hier nun jetzt mal für mich in Erwägung zu ziehen. Da mir eine Diskussion aber vermutlich auch zu lange dauern würde, fülle ich den Zettel erneut mit allen Daten aus. Danke für nichts! Nachdem man mir versichert hat, dass man gründlich suchen und mich kontaktieren würde – immerhin in den nächsten 2-3 Tagen meines 5 Tage-Aufenthalts – verabschiede ich mich mit einem bösen Blick und hetze aus der Halle.

Am Parkplatz für die Shuttle-Busse, welche die Fluggäste zu ihren Hotels bringen sollen, angekommen halte ich Ausschau nach meinem Bus, denn durch die Koffer-Arie bin ich eigentlich schon deutlich zu spät am Treffpunkt. Zum Glück habe ich das Klagen meiner Blase ignoriert und bin vorher nicht noch erst auf Toilette gegangen, denn sonst hätte ich wohl nicht einmal mehr die Rücklichter meines Busses gesehen, der soeben das Gelände des Flughafens verlässt…

Ich seufze. Kann ich den Druck meiner Blase auch dadurch reduzieren, in dem ich dem Drang zu Weinen nun einfach erliege? Aus strategischen Gründen beschließe ich dann doch auf Toilette zu gehen. Dort soll man ja die besten Ideen bekommen. Doch genauso wie das Klo keine Spülung besitzt, bekomme ich keine gute Idee. Um wieder atmen zu können begebe ich mich zurück an die frische Luft und erblicke in der Ferne ein Schild für einen Mietwagen-Verleih. Da ich mir am Hotel eh einen solchen reserviert habe versuche ich mein Glück dort. Vielleicht lässt sich das ja umbuchen.

In einer Halle voller Mietwagenverleiher ist dann sogar der dabei, bei dem ich bereits gebucht hatte. Also zumindest seinen Schalter. Sein Personal hingegen ist nicht zu sehen - und das wohl auch schon länger, wenn ich das Schweizer Pärchen vor mir richtig verstehe. Nach dem mir dieses (ungefragt!) ein kleines „Best of“ von den 30 Reisen, die es bisher zu jedem Hochzeitstag gegeben hat, aufgezwungen hat, erlöst mich das Auftauchen des Mietwagenverleihers von dem schweizer-deutsch / französischem Redeschwall.

Beatrice, die ich mittlerweile „Bea“ nennen darf, und „Urs“, den ich „Ursi“ nennen darf, (was ich aber ich aber nicht tun werde, da ich mich lieber selber Anzünden würde) legen ihre Unterlagen vor. „Frau Mietwagen“ nimmt die Papiere entgegen… und ebenso erstmal einen Bissen von ihrem Sandwich. Schließlich ist sie ja schon seit fast einer Minute an Ihrem Schalter, da hat man sich das auch wirklich redlich verdient… Bei der vielen Remoulade muss sie allerdings aufpassen: jedes zusätzliche Kilogramm auf ihren dürren Hüften schränkt die Auswahl an möglichen Verstecken vor der Kundschaft schlimmstenfalls ein!

Sie tippt etwas am PC herum, startet einen Druckvorgang und legt das Ergebnis auf den Tresen. Beatrice und Urs lesen aufmerksam, schauen sich irritiert an, murmeln, lesen nochmal und Blicken zu mir, der versucht, möglichst unbeteiligt herum zu stehen, was mir relativ leicht fällt WEIL ICH NUNMAL AUCH UNBETEILIGT BIN! Zumindest bis jetzt….

  • "WIR SOLLEN HIER JETZT EINE VERSICHERUNG FÜR DAS AUTO ABSCHLIESSEN."

  • "Ah."

  • "DIE WIRD HIER BENÖTIGT."

  • "Ja dann…sollten Sie das machen."

  • "ABER WIR HABEN SCHON EINE ABGESCHLOSSEN?"

  • "Ja dann… sollten Sie das nicht machen."

  • "DIE WIRD WOHL NICHT ANERKANNT."

  • "Ja dann… müssen Sie es wohl machen."

  • "ABER DIE IST SO TEUER HIER. UND IN UNSEREN UNTERLAGEN STEHT, DASS DIE HIER GÜLTIG IST."

  • "Ja dann… müssen Sie es wohl nicht machen."

Wie sich herausstellt, ist dies wohl ein gängiger Versuch, Touristen abzuziehen. Man benötigt die Zusatzversicherung NICHT unbedingt. Allerdings ist der Betrag, den der Autoverleiher auf der Kreditkarte als Sicherheit „einfriert“ höher, wenn man nicht dessen eigene Versicherung nimmt und es gibt gründlichere Kontrollen nach Schäden und Macken am Fahrzeug bei der Rückgabe. Beatrice und Urs bleiben bei Ihrer vorgebuchten Versicherung und ziehen irgendwann samt Autoschlüssel von dannen.

Ehe es der Autoverleiherin gelingt zu fliehen, stürze ich an den Tresen und lege meine Unterlagen vor. Ich erkläre mein Anliegen und überraschender Weise kann ich auch ab hier mein gebuchtes Fahrzeug schon übernehmen. Man muss auch mal Glück haben. Da auch ich vorher eine Versicherung abgeschlossen habe, weise ich den Schrieb mit der Zusatzversicherung souverän zurück. Sollen Sie ruhig einen größeren Betrag auf der Karte sperren, ich habe mir schließlich extra eine neue Kreditkarte für diesen Urlaub geholt – dann soll sie auch ordentlich genutzt werden.

(*MIEP MIEP MIEP „Verweigert!“")

Neuer Versuch.

(MIEP MIEP MIEP…)

Schnauf. What is the problem? Mir wird erklärt, dass meine Karte nicht genug Guthaben aufweist. Ich verweise darauf, dass das eine vollwertige Kreditkarte und nicht um eine Prepaid-Karte handelt.

(MIEP MIEP MIEP…) Computer sagt nein.

Meine Annahme, dass die Kreditkarte mit dem hinterlegten Girokonto ausreichend „gefüttert“ ist, erweist sich als Trugschluss. Ich hätte zu den 500,00 € Kreditrahmen also vorher noch Geld auf das „Kreditkarten-Konto“ laden müssen. Hatte ich nicht… War der Annahme, das wäre nicht möglich… Hatte vorher eine Versicherung abgeschlossen… Wusste nicht, dass die mich hier über den Tisch ziehen… Bin ein Idiot…

Es hilft alles nichts: ohne ausreichendendes Geld zum Sperren bleibt mir nur die Zusatzversicherung zu wählen, wenn ich nicht zu Fuß gehen will. Und das will ich nicht. Selbst wenn ich ja keinen Koffer schleppen müsste. Weil der ist ja weg. Ich zahle und bekomme das „Solange das Auto hier aus eigener Kraft ankommt ist uns der Zustand egal“-Paket und den Autoschlüssel.

Nachdem ich circa eine halbe Stunde damit verbracht habe, den richtigen Parkplatz und darauf das richtige Fahrzeug zu finden, kann ich das Flughafen-Areal endlich verlassen und stelle das Navi auf meine Hoteladresse ein.

An der Rezeption angekommen lege ich meine Reservierung vor und gebe die Informationen, die ich vom Flughafenpersonal bezüglich meines Gepäckverlustes bekommen habe, mitsamt eines Zettels von dort weiter. Erneut muss ich ein paar Daten in ein Formular kritzeln; dieses mal für das Hotel. Nachdem das geklärt ist begrüßt man mich nochmals, händigt mir meinen Schlüssel aus und gibt mir den Tipp, mich zu beeilen, denn bis 22:00 Uhr gäbe es noch etwas zu Essen im Speisesaal. Ich blicke auf eine Uhr. Es ist 21:56 Uhr.

Um 21:58 Uhr hechte ich durch die Tür des Speisesaals und greife mir eine Schüssel für den Nachtisch, weil ich auf die Schnelle keine Teller erblicke! Um 21:59 Uhr schütte ich mir drei zu krosse Pommes, eine halbe Krokette, das letzte und mittlerweile trockene Stück Schweinemedaillon und die zusammengekratzten Reste vom Mousse au Chocolat aus meiner Schüssel in meinen Leib, während ich bereits vom Personal herausgeleitet werde!

Draußen startet so eben die Abend-Animation. Ich ignoriere die ersten Zeilen des „Club-Songs“ und schleppe mich in mein Zimmer… Das reicht mir nun erstmal für heute… Morgen ist auch noch ein Tag…

…FORTSETZUNG FOLGT…

QUELLEN:

Intro und Outro: Instrumental von StuBeatZ - http://bit.ly/MMH-Beatz

Soundeffekte: www.salamisound.de

Song aus dem Autoradio: "Black River City" von FOR ALL THIS BLOODSHED


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